Ikea auf madegassisch

September 8th, 2018

Ikea in Antsirabé befindet sich direkt am Straßenrand, und alles ist so wie bei Ikea in Europa: Möbel aus hellem Kiefernholz, jungdynamische Verkäufer, die einen mit Vornamen und Du ansprechen, progressive Mütter, die ihre Kinder stillen.

Gut, bei Ikea in Europa ist es ein bisschen weniger staubig, es kommen nicht so viele Zebu-Rinder vorbei, die stillenden Mütter tragen keine Lumpen … und ich schenke ihnen kein Essen.

Aber der größte Unterschied zu Ikea in Europa besteht darin, dass es bei Ikea in Madagaskar nicht Dinge zum Selbstzusammenbauen, sondern Dinge zum Selbstauseinanderbauen gibt.

Wir kaufen Betten.

Hilfreich hüpfen zwei junge Mädchen vorbei, bewaffnet mit einem Hammer, fordern uns zum Mitmachen auf und beginnen, die Betten kaputt zu hauen. Nein, nach dem ersten Schreck merke ich es: Sie lösen nur die Teile voneinander, damit wir die Betten besser nach Hause kriegen.

Eine nette Stoffhändlerin hilft uns, im Pick Up die Stücke von drei Betten und einem Tisch zu transportieren. Sie tut das, weil wir bei ihr Vorhänge gekauft haben – zum Selbstauseinanderschneiden: Wir haben jetzt 30 Meter Stoff am Stück.

Schade eigentlich, dass wir keine Schere besitzen, aber was Schere auf Malagassi heißt, wissen wir noch nicht.

Die Betten wieder aufzubauen, ist auch etwas schwierig, da alle Teile fast gleich aussehen. Wie viele Betten waren das nochmal? Vielleicht bauen wir einfach ein ganz großes? Unser netter Gardien Naéf kennt sich handwerklich aus, und endlich klappt es, nur, dass alle Schrauben, Winkel und Bolzen fehlen. Na, das ist wieder wie bei Ikea. Bloß kein Ersatzteilautomat in der Nähe.

Naéf besorgt kurzer Hand Metall (am laufenden Meter, zum Selbstauseinandersägen) und biegt und hämmert die Winkel und Bolzen selbst zurecht.

Als nächstes besorgen wir für die im Haus vorhandenen sehr harten, sehr hässlichen Holzsessel (afrikanischer Kolonialstil, 18. Jahrhundert – oder Folterkammer, 17. Jahrhundert, lässt sich schwer sagen) – wir besorgen also Kissen. Nein, wir besorgen Vita Foam. Vitafoam ist das madagassische Äquivalent zu Matratze. Madame Martine, unsere Integrationshelferin (im Vertrag steht Kindermädchen) führt uns zum Inder und erklärt, diese Matratzen wären die Schlechtesten, immerhin sind sie vom Inder (Die Madegassen mögen die Inder nicht so, weil die Inder reich sind). Also jedenfalls sind das die schlechtesten Matratzen, und deshalb kaufen wir sie.

Denn sie sind billig, und der Inder kann sie in Stücke schneiden, für die Sessel.

Ja, könnte er. Tut er aber nicht. Das, sagt der Inder schlau, können wir selbst tun, wir bräuchten nur ein Messer. Er hätte keins.

Wir kaufen also eine Doppelbettmatratze in der Farbe einer reifen Papaya, und bekommen sie auf einem Pouspous, einer Fahrradrikscha, nach Hause geliefert: hochkant vor den Pouspous-Sitz geschnürt (Von da an fällt mir auf, dass viele Madagassen mit Vitafoam-Matratzen im Pouspous fahren, sie selbst sitzen selbst hinter der Matratze. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Madagassen täglich Matratzen kaufen, es scheint also eine Art Air Bag zu sein).

Zu Hause geht es weiter mit Ikea-Madagaskar: Riesenpapaya zum Selbstauseinanderschnipseln. Ich schnappe mir unser Teppichmesser (mit dem wir Linoleum verlegt haben, zum Selbst … Sie wissen schon) und schlachte den Schaumstoff. Man kommt mit dem Messer nie ganz durch, das Teufelszeug ist zu dick, und ich sitze bald schwitzend, hustend und niesend inmitten von unregelmäßig geschnittenen, faserigen Kanten und papayafarbenen Kunststoffflocken. So muss sich eine Ameise fühlen, die versucht ein Stück aus einem Kopfkissen zu nagen.
Die Fussel kleben in meinen Ohren, meiner Nase, meiner Lunge und an allen Kleidern, abstreifen geht nicht, sie sind irgendwie elektrisch geladen, oder vielleicht haben sie auch kleine Krallen. Der Inder wusste schon, warum er kein Messer hatte.

Schließlich machen wir uns an die nächste Aufgabe: Moskitonetze, die für gerade Decken gedacht sind, an Dachschrägen anbringen. Das geht. Mit Schnur. Leider haben wir nicht genug Schnur, aber wir finden – richtig! Schnur zum Selbstauseinanderbauen. Nämlich ein bisschen Restseil aus dem Schuppen. Das kann man aufspleissen, die Stücke aneinanderknoten, und siehe da …!
Wir betreiben auch ganz ikeamäßig Upcycling und machen aus einem kaputten Stück Geländer, das wir finden, eine Schaukel. Eine weitere, im Garten, lässt sich aus einem alten Reifen bauen …

Ich sehe die madagassischen Integrationshelfer (im Vertrag steht: Hausangestellte) schon kopfschüttelnd auf der Veranda sitzen, wenn wir weg sind, und sagen: Diese Europäer, die sind schon komisch. Sie hängen Teile von Autos an Bäume, im Wohnzimmer imitieren sie sie mit kreischend organgefarbenem Kunststoff den Schnee ihrer Heimat, und ihre Möbel bauen sie aus Müll.

Es wird noch ein hartes Stück Arbeit, die zu erziehen.