Archiv für August, 2007

Ich beantrage ein Telefon – Folge 3

Freitag, August 24th, 2007

„Ich bin da wegen des Telefons“, sagt der Mann mit dem Brillenschraubenzieher. „Wo ist denn ihr Kasten?“
„Ich glaube, wir haben keinen“, sage ich. „Aber wir haben ein Kabel. Warten sie – irgendwo hier – hier an der Hauswand müsste es verlaufen.“
„Aaha“, sagt der Telekom-Mann und kriecht ins Gebüsch. Ich krieche ihm nach. Das Gebüsch ist ziemlich dornig. Vielleicht hat jemand es dorthin gepflanzt, um das Telefonkabel vor Telekom-Männern zu schützen.

„Da!“, ruft er und zeigt anklagend auf die Hauswand. „Sie haben doch einen Kasten! Die Isolierung ist darüber gebaut! Man muss erst die Isolierung aufschneiden.Wir sollten die Firma anrufen, die die Isolierung gebaut hat.“
„Aber ich habe kein Telefon“, sage ich. „Das ist ja das Problem.“
Der Telekom-Mann leiht mir sein Handy.

Der Isolierungs-Mann kennt meine Anrufe schon. Normalerweise rufe ich an, weil er etwas nicht getan hat, was er hätte tun sollen. Jetzt rufe ich an, weil er etwas getan hat, was er nicht hätte tun sollen, und das verwirrt ihn.
„Ich sitze hier“, beginne ich. „mit der Telekom im Gebüsch…“
„Ach was“, sagt er.
„Und Sie haben unseren Telefonkasten isoliert! Er ist jetzt ganz wetterfest, aber man kann nichts daran anschließen.“
„Ach, wissen Sie“, sagt der Isolierungs-Mann. „Mit Isolierung kenne ich mich nicht so aus. Eigentlich machen wir mehr in Elektrik.“

Kurz darauf sitzen wir zu dritt im Gebüsch, eng zusammengedrängt zwischen den Dornen. Der Isolierungs-Mann sägt die Isolierung auf, der Telekommann und ich sehen zu. Leider muss der Isolierer dann wieder gehen. Schade, es war gerade gemütlich geworden.
Jetzt steckt der Telekommann das Telefonkabel in den Kastenn, ruft das Telefon per Handy an – und – es klingelt im Gebüsch. „Es funktioniert!“, schreie ich ins Telefon.
„Jetzt müssen wir das ganze nur noch nach drinnen verlegen“, sagt der Telekom-Mann.

Der Isolierungs-Mann hat damals einen schwarzen, schlabbrigen Plastikschlauch durch die Wand verlegt, der draußen aus dem Haus hängt wie eine lange Zunge.
Der Telekom-Mann steckt das Kabel in den Schlauch, um es nach drinnen zu führen. Dabei verheddert sich der zu lange Schlauch in den Ästen des Gebüschs. Ich versuche zu helfen, doch der Plastikschlauch entgleitet ihm und ohrfeigt uns beide. Der Telekommann flucht.
„Mit Leerrohren kennt sich der Isolierungs-Mann nicht aus“, sage ich entschuldigend. „Er macht mehr so in Elektrik.“

Schließlich haben wir das Kabel überlistet, und es kommt drinnen aus der Wand. Ich führe den Telekommann ins Haus. „Hier entlang…“, sage ich. „Manche Leute verlaufen sich bei uns…“
„Ich verlaufe mich nie“, sagt er und kniet sich vor das Kabel. Dort beginnt er, viele kleine Kabel-Enden in reiskorngroße Schraubzwingen zu schrauben und zu zwingen.
„Blöd, jetzt hab ich doch die Brille nicht bei mir“, knurrt er. „Nur den Brillenschraubenzieher. Wenn Sie mal da schrauben könnten… und jetzt dort…“
Ich schraube. Aber vermutlich sind es die falschen Kabelenden. Das Telefon geht nicht.

„Ich könnte mich ja zum Telefonieren immer ins Gebüsch setzen“, schlage ich vor.
Irgendwie gefällt diese Idee dem Telekommann nicht.
„Ich komme demnächst mit Brille wieder“, erklärt er und geht ins Schlafzimmer. „Die Außentür ist weg“, stellt er fest.
„Ich glaube, Sie haben sich verlaufen“, sage ich und führe ihn in den Flur, wo die Außentür noch da ist.

„Ruft die Telekom mich dann an, wenn sie die Brille gefunden haben und wiederkommen?“
Der Telekom-Mann schüttelt den Kopf. „Ich bin nicht von der Telekom“, meint er. „Die haben unsere Firma nur wegen des Streiks angeheuert. Mit Telefonen kenne ich mich nicht aus. Eigentlich machen wir mehr so in Elektrik.“

Dann steigt er in sein Auto und fährt weg. Er kommt nicht wieder, weder mit noch ohne Brille. Ein paar Tage später gieße ich meine Rosen, als es im Gebüsch klingelt. Ich krieche durch die Dornen und hebe ab.
„Wir haben Ihnen für den Anschluss eine Rechnung geschickt“, sagt der Telekom-Mann, der kein Telekom-Mann ist. „Aber die ist noch nicht bezahlt.“

„Ach“, sage ich, „mit Rechnungen kenne ich mich nicht aus. Eigentlich mache ich mehr so in Elektrik.“