Archiv für April, 2008

Darf’s ein Tässchen Altöl sein?

Freitag, April 25th, 2008

In unserer Gegend ist der Boden sehr fruchtbar. Brennnesseln vermehren sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 30 km/h, und wir sind nach drei Jahren immer noch nicht fertig mit dem Abbau der Bodenschätze. Zunächst entdeckten wir damals eine Asbestplatten-Mine und einen unterirdischen Parkplatz. Nachdem wir vier historische Autos gehoben hatten, fanden wir im Schuppen eine Hotel-Bar – oder jedenfalls ihr Äquivalent an alten Kühlschränken und Schnapsflaschen – und es gibt auch ein stattliches Erdöl-Vorkommen auf unserem Grundstück. Leider in Form von Plastiktüten. Offenbar wachsen all diese Müllvorräte nach, ähnlich den Brennnesseln, denn egal wie viel man wegräumt, es ist immer genug Müll da.
Zu Anfang glaubte ich, die Nesseln schnell beseitigen zu können, denn zwischen ihnen lagen lauter leere Insulinspritzen. Ich schloss daraus, dass die Brennnesseln Diabetiker waren und streute Zucker darauf, aber das führte nur zu einer Invasion von hungrigen Ameisen und schwarzen Riesenkäfern, die den Weg in unsere Küche fanden und seither dort wohnen. Wir haben dann ein Schild an die Straße gestellt: Brennnesseln zum Selbstpflücken … Dieses Frühjahr stößt mein Mann beim Umgraben auf Knochen.
“Bestimmt nur von Küchenabfällen”, sage ich und denke an Hühnerbeine.
Er hält einen dicken Oberarmknochen hoch. “In diesem Fall war unser Vorgänger bekennender Kannibale.” Vielleicht gab es auch in einem der Weltkriege eine unbekannte Schlacht in unserem Garten? Ich stelle mir vor, wie sich die Russen und die Deutschen um die Plastiktüten-Ader streiten …” Oder es sind Dinosaurierknochen”, sage ich.
“Das”, meint mein Mann, “würde erklären, warum das Gemüsebeet so zertrampelt ist.”
Er rupft ein Stück Maschendrahtzaun aus der Erde und beginnt, ihn einzurollen. Es sind viele, viele Meter Maschendrahtzaun – daraus hätte man nicht nur ein Lied, sondern eine komplette Oper machen können. Der Zaun liegt unter der obersten Erdschicht und ist über die Jahre eingewachsen. Mit ihm reißen die alte Brennnesseln, die neu gepflanzten Blumen und das frisch gesäte Gras heraus, und so wickelt mein Mann den Garten Meter für Meter ordentlich auf. Bei den Obstbäumen hat er etwas Schwierigkeiten, doch am Ende stellt er den ganzen Garten als große Rolle in den Schuppen. Hinter dem Schuppen liegt jetzt nur noch ein halbverrottetes Seil. Ich ziehe daran. Und ziehe. Und ziehe.
“Pass auf!”, sagt mein Mann, “vielleicht hängt der Stöpsel zum Nachbarhaus dran, und wenn du zu sehr ziehst, geht die Luft raus!”
Kurz darauf lässt der Widerstand nach. Ich lege auch das Seil in den Schuppen. Als wir uns später in der Badewanne die Müllreste von der Haut schrubben, verkündet der Radiosprecher, die Oper in Sydney wäre aus mysteriösen Gründen eingestürzt.
“Hing eigentlich etwas am Ende des Seils?”, fragt mein Mann vorsichtig. “Ein Notenständer?”
“Quatsch!”, schnaube ich. “Da hing nur eine kleine Schraube. Naja, das Patent war eventuell australisch … ”