Archiv für April, 2011

Kerala-Curry für Tanja

Freitag, April 8th, 2011

Als ich zum ersten Mal nach Indien kam, freute mich über den leckeren Reis mit den vielfältigen Saucen – gleich zwei, aus Kokos und Chili, mm! Am nächsten Tag stellte ich erfreut fest, dass es schon wieder den leckeren Reis mit den beiden Saucen gab. Am dritten Tag war ich nicht mehr verwundert, als es Reis gab. Am hundertfünften Tag bestand die Hälfte meiner körpereigene Biomasse aus Reis (die andere Hälfte aus Kokossauce).
Damals erklärten mir alle Inder, dieses oder jenes Gericht wäre gut für die Verdauung. Am Ende war meine Verdauung so gut, dass ich mehrere Wochen in unmittelbarer Nähe zur Toilette verbrachte. Als meine Freundin Tanja daher erklärte, sie wäre noch nie in Indien gewesen, beschloss ich, dass eine Reise dorthin gut für ihre Verdauung wäre.
Nach zwei Wochen Andamanen-Urlaub schickte ich meinen Mann also nach Hause und traf Tanja in Madras. Zufällig heiratete an diesem Tag eine Bekannte, und so war Tanjas erstes Essen in Indien ein Hochzeitsessen. Hochzeiten finden in Indien in großen eigens dafür erbauten kahlen Turnhallen statt und bestehen vor allem daraus, dass die Gäste ohne erkennbaren Sinn zwischen langen Reihen von Plastikstühlen hin und her gehen. Das Brautpaar wird auf eine Bühne gestellt, mit Blumengirlanden behängt und für ungefähr zwölf Stunden in lächelnder Position eingefroren, damit alle sich mit ihm ablichten lassen können.
In unserem Fall war der Bräutigam wohlhabend und konnte es sich leisten, während der ganzen Zeit eine Kapelle spielen zu lassen, die durch ungefähr 70 Lautsprecher verstärkt wurde. Die meisten Inder, muss man dazu sagen, sind taub. Ob das daran liegt, dass sie ständig ohne Gehörschutz ihre Straßen mit Presslufthämmern aufreißen oder ob sie bei den Hochzeiten ertauben und hinterher im Straßenbau eingesetzt werden, bleibt fraglich.
Am Ende wird man als Hochzeitsgast in den Keller gescheucht und dort an einen langen Biertisch gesetzt, wo man ein Bananenblatt als Teller erhält. Durcheilenden Bedienstete klatschen einem Reis und Sauce aus großen Eimern vor die Nase, während die nächsten Gäste ungeduldig mit den Füßen scharren, weil sie auf einen Sitzplatz warten.
Tanja schlug sich tapfer, aber der indische Straßenverkehr hatte sie bereits am ersten Tag so traumatisiert, dass sie ohnehin nicht merkte, was sie aß.
In Indien haben sie Linksverkehr. Es hat mich allerdings damals ein halbes Jahr gekostet, das herauszufinden – und die meisten Inder wissen es bis heute nicht.
Wir setzten unsere Reise fort, in dem wir nachts einen Zug verpassten, auf den wir fünf Stunden am verkehrten Gleis gewartet hatten. Dann fuhren wir ins Naturschutzgebiet der Nilgiri Blue Mountains – berühmt bei deutschen Teekennern. Aus der alten Dampfeisenbahn hat man angeblich wunderbare Ausblicke in mörderische Schluchten. Und wir fuhren wirklich über eine oder zwei Brücken. Alle Inder im Wagen kreischten, wenn sie in die atemberaubende Tiefe von zwei Meter fünfzig blickten.
Bei den Indern im Zug handelte es sich – sieh an – eine Hochzeitsgesellschaft. Ihre Bananenblätter waren sehr modern, nämlich aus grünem Plastik. Nach Gebrauch warfen sie sie aus dem Zugfenster, und das Grün machte sich in den Teeplantagen viel hübscher als der andersfarbige Plastikmüll. Ungefähr 90 Prozent des Nilgiri-Tees, den der deutsche Teekenner importiert, besteht in Wahrheit aus kleingeheckseltem Plastikmüll …
Im Bergort Ooty stießen wir auf ein neues Dilemma der indischen Küche: eine Menge wohlhabender Inder besucht diesen Ort zur Kur und würde zur körperlichen Ertüchtigung auf dem eingezäunten See Tretboot fahren. Wäre es nicht verboten, übergewichtige Menschen auf die Boote zu lassen. Der indische Durchschnittsreiche wiegt zwischen zwei und drei einhalb Tonnen … zum Trost hat man neben dem See eine Fressmeile eingerichtet, die Chocolate Fudge zu Kilopreisen verkauft.
Als nächstes versuchten wir uns an der Küche Keralas. Kerala, hatten unsere indischen Freunde gesagt, ist grün und kalt. Es war tatsächlich beinahe 40 Grad kalt. Und nicht grün, sondern rot. Seit die Kommunisten in Kerala herrschen, sind alle Unternehmer weggezogen; nur noch der Tourismus hält das Land über Wasser.
Weil es bekannt ist, dass Touristen gern den einheimischen Fischfang knipsen, hat man entlang der Lagunen riesige chinesischer Netze aufgestellt, an denen man in handgehäkelten Hausbooten vorüberfahren kann. Die Netze bestehen aus einer Hängematte, die ins Wasser gelassen werden kann. Alle Fische, die dumm genug sind, sich beim Heraufziehen oberhalb der Hängematte zu befinden, werden gefangen. Keralische Fische sind nicht dumm.
Wir haben ungefähr dreihundert Netze gesehen – darin jedoch keinen einzigen Fisch. Um die Touristen trotzdem bei Laune zu halten, importiert Kerala tiefgekühlten Fisch aus Deutschland, nehme ich an.
So kam es, dass ich eines Abends vor einem Fischgericht saß. Tanja saß dahinter, die wollte es nämlich essen. Ich hatte vergessen, ihr zu sagen, wie Fisch in Indien zubereitet wird: Man nehme das Tier – im ganzen – zerschneide es mit einer Küchenschere in kleine Stücke und werfe es in eine rote Sauce, so dass auf keinen Fall von außen zu sehen ist, welche Teile welche Gräten, Innereien oder Flossen enthalten. Übrigens ist meinem Mann auf den Andamanen etwas ähnliches passiert: Er bestellte einen Krebs, der offenbar überfahren und hinterher mit einer Axt zerhackt worden war. Um das Fleisch aus den Bruchstücken der porzellanharten Schale zu lösen, gab es einen Nussknacker von Ikea … sowohl mein Mann als auch Tanja gingen hungrig nach Hause.
Am Tag darauf hatte ich einen Traum: Ich gab Tanja einen Pappteller mit etwas Kartoffelsauce und drehte mich kurz um, um die zugehörigen Chapatis zu holen. Als ich mich wieder Tanja zuwandte, hatte sie den Pappteller brav um die Kartoffeln gefaltet und war eben dabei, ihn aufzuessen.
Berühmt ist Kerala auch für das Kerala-Curry. Das müssen Sie unbedingt probieren. Wir haben es auch getan, und inzwischen (das liegt jetzt einen Monat zurück) ist mir beinahe nicht mehr schlecht.
Es gibt in Indien ein Gewürz – ich weiß nicht, wie es heißt – das schmeckt wie destillierter Kellergeruch mit Grünschimmel. In Keralacurry ist stark vertreten. In einem Gewürzladen jubelte Tanja,: „Hier! Ich habe es gefunden!“ Und gleich mussten wir einen ganzen Sack voll kaufen, um die Verkäuferin glücklich zu machen.
Demnächst bekomme ich Verlagsbesuch. Es gibt dann indisches Essen. Ich koche ja gern.