Archiv für September, 2011

Nicht über die NPD

Freitag, September 16th, 2011

Eigentlich wollte ich einen Blog über die NPD schreiben, aber dann muss ich mich nur wieder aufregen.
Ich schreibe also nichts darüber, wie unsere Straßen mit AUSLÄNDER RAUS Plakaten zugekleistert werden und wie die NPD innovative Wahlversprechen macht: Gegen Blitzerabzocke! Kampf dem Atomtod aus Polen! (Wo bleibt: „Freibier für alle“?)
Nein, ich schreibe über Lila: Die Murmel hat nämlich Geburtstag, und ich bastle eine lila Einhorn-Torte. Man nehme eine Dalarna-Pferde-Backform von Ikea und baue ein Horn daran. Auch die ökigste Mutter ist lernfähig.
Leider ist das Einhorn, da lila, zu schön. Es darf nicht angeschnitten werden.
Während draußen die Nazi die Plakate der anderen Parteien abreißen, beziehe ich drinnen Muffins mit lila Schokolade, für die Geburtstagsgäste. Die bringen ausschließlich lila Geschenke mit …
Die Zeit schreibt über den „Einzug des Konsumterrors in die Kinderzimmer“ und die Gefahr von Reklame. Ach Du liebe Zeit, wenn Du wüsstest!
Unser Kind, das auf dem Land aufwächst, das außer der hübschen schwarz-weiß-roten NPD Reklame keine Plakate sieht, das ein fernsehloses Dasein fristet und von Geburt an in DaWanda-Sachen und ökozertifizierter dänischer Baumwolle lebt – unser Kind weiß genau, was IN ist: Ich bin, erklärt die Murmel, keine Murmel mehr, sondern eine Duffessin.
(Prinzessin kann sie noch nicht sagen. Wir fragen uns, was die männliche Form von Duffessin ist – der Duff?)
Duffessinnen können NUR lila Sachen tragen, und das ganze moderne Mädchen-sind-doch-auch-nur-Jungen-Getue ist für die Katz (die heißt HelloKitty, hat einen Wasserkopf und wohnt auf rosa Kunstoffröckchen). Ich glaube, selbst Mädchen, die jenseits der Zivilisation heranwachsen – Moglise, Kasparine Hauser – würden von lila Glitzereinhörnern träumen. Nach Descartes bedeutet dies, dass Lila zu den angeborenen und demnach gottgegebenen Ideen gehört. Ich schließe logisch daraus: Gott ist lila.
Draußen fährt die NPD Patroullie, um ihre Plakate zu bewachen, vielleicht auch hier und da einen Ausländer totzuschlagen – es kommt nur keiner vorbei, die sitzen nämlich alle drinnen und lesen ihren Kindern lila Einhorngeschichten vor.
Ein Bekannter musste seiner Tochter neulich Lillifee-Glitzershampoo kaufen, weil sie sich in der Drogerie auf den Boden warf und laut schrie: Immer schlägst du mich und nie darf ich mich waschen!
Im Dunkeln wird unser Briefkasten mit rechten Hetzschriften gefüllt, was kümmert´s mich? Ich kämpfe drinnen mit der Duffessin darum, dass sie ihr Wurstbrot ist, auch wenn nur die Wurst lila ist und das Brot nicht.
Schließlich kommt der Wahlsonntag, grüne, gelbe, schwarze, rote Plakate zieren zum letzten Mal die Straßen. Kinder würden Piraten wählen, schreibt die Piratenpartei – stimmt! Sie sind die einzigen, die ein violettes Plakat haben.
Ich erkläre der Murmel, Verzeihung, der Duffessin, dass auf den Plakaten Leute sind, die König werden und bestimmen wollen. Was?, fragt sie empört. Bestimmen müssen doch die Duffessinnen! Sie hätte die Glitzerpartei gewählt. Wie die Merkel wohl mit einer lila Glitzerkrone aussähe? So ein Auftritt könnte bei Staatsbesuch in Lybien alle Probleme lösen, Gadafi würde sich totlachen und die Übergangsregierung bei Muffins mit lila Schokoüberzug freier diskutieren.
Hier zieht die NPD mal wieder in den Landtag, nicht mein Problem, mein Problem ist Lila:
Mangel einer lila Regenjacke rennt die Duffessin im Tanzkleidchen durch den Küstensturm. Ich finde einen warmen, lila-gestreiften Ökopullover. Oh nein, sagt die Murmel zufrieden, Duffessinnen tragen NIEMALS Streifen. Höchstens nur Punkte. Und bekommt gleich darauf einen Heulanfall, weil ihre Fillypferde ganz nackt sind! (Nicht, dass sie je etwas anhatten). Die vermissen ihre Schlafanzüge! Vorsichtig frage ich: Sind die Lila? Natürlich, sagt die Murmel. Und sie glitzern auch ein bisschen … Eines Tages wird ihr auffallen, dass wir nicht lila sind, und sie wird uns gegen glitzernde violette Plastikeltern eintauschen.
Und wenn das vierte Reich vor der Tür steht, werden wir das Land verlassen – nicht etwa aus politischen Gründen, nein, weil die Uniformen der neuen Herrscher braun und nicht lila sind.