Archiv für April, 2012

Osterfreuden

Dienstag, April 10th, 2012

Ostern, sage ich mir, wird entspannt. Ich werde ein bisschen den neuen Jugendroman lektorieren, und zwar diesmal nicht auf Papier, sondern ganz modern im Computer. Während mein Mann mit den Kindern in der Sonne herumtobt, werde ich am PC ein paar bunte Kringel und Haken machen … Fröhlich öffne ich das Dokument. Es ist hübsch österlich bunt.
„Klick dann einfach immer auf Änderungen akzeptieren oder ablehnen“, hat Carina gesagt.
Ich klicke – und der Computer akzeptiert die Änderung EINES Buchstabens. Pro Wort klicke ich also jetzt 7 bis zwanzig Mal. Bei geänderten Kommas möchte der Computer, dass ich gleich dreimal klicke.
„Nimm doch einfach das Wort in den Block“, sagt Carina am Telefon. Das tue ich, klicke auf den Änderungs-Button – und schwupps, weg ist das Wort. Der Absatz, in dem es stand, übrigens auch.
„Es gibt auch einen Knopf“, sagt Carina hoffnungsfroh „der heißt Alle Änderungen akzeptieren.“ Ich will aber nicht alle Änderungen akzeptieren! Ich kannte mal einen, der hat zu seinem Lektor gesagt: Ihre Änderungen sind sehr schön, ich kann sie gut nachvollziehen. Und jetzt löschen wir sie alle und lassen den Text, wie er war.
„Verzeihung, wenn ich Dich störe“, sagt mein Mann. „Ich gehe dann mal zum Dienst. Du passt auf die Kinder auf …? Draußen regnet es, du musst sie drinnen beschäftigen.“
„Dienst?“, frage ich und ändere mühevoll einen Strichpunkt.
„Ja“, sagt er, „hatte ich nicht erwähnt, dass ich die Feiertage über Dienst habe? An Ostern selbst habe ich kurz frei … bis dahin ist sicher wieder schönes Wetter.“
Die Kleinen quengeln. Es regnet stärker. Ich bin schon auf Seite drei. Das Dokument hat sich leider aufgehängt, der Computer kaut und kaut auf der Datei herum und versucht, sie zu speichern.
„Mama, kann ich einen Film gucken?“
„Filme gucken ist unpädagogisch“, sage ich. „Wir backen jetzt Osterkekse.“
Ich knete also Teig, rühre bunten Zuckerguss an und versuche, zwischendurch heimlich in meinem Dokument herumzuklicken. „you´ve got mehl!“, sagt der Computer. Mist, es muss etwas durch die Tastatur gerieselt sein …
„Mama, krieg ich neuen Zuckerguss?“
„Hast du schon so viele Eierkekse verziert?“, fragte ich.
„Nein“, sagt Alva erstaunt. „Ich hab den Zuckerguss aufgegessen … Lintje aber auch!“
Ach, tatsächlich. Die Kleine kriecht glücklich kreischend quer durch die Küche und hinterlässt eine vierfarbige Zuckergussspur auf dem Boden. Dann zieht sie das Kabel aus der Wand. Der Computer stürzt ab – von der Anrichte auf den Fußboden. Zum Glück federn ihn die vielen Schichten aus Kekskrümeln und Zuckerguss dort ab. Das Dokument verfärbt sich von blau-gold auf grün-rot und fängt an, zu blinken. Na, ich bin ja schon auf Seite sieben. Von 400.
„Mama, kann ich einen Film gucken?“
„Filme gucken ist unpädagogisch“, sage ich. „Wir fahre jetzt in die Stadt und machen einen Osterbummel. Und wir drucken dieses Ding hier aus, dann kann ich es per Hand bearbeiten. Zum Henker mit der modernen Technik. In der Stadt gibt auch einen Ostermarkt. Ganz romantisch, mit blühenden Blumen und Keramik und Hasen …“
„Au ja“, sagt Alva, „fahren wird dann wieder Autoscooter?“
„Nein, mein Kind“, sage ich. „Den Autoscooter gibt es nur auf dem Weihnachtsmarkt. Daran unterscheidet man hier bei uns im Osten Weihnachten und Ostern.“
Durch Greifswald pfeift ein eisiger Wind. Die Blumen sind eingeschneit, die Hasen nach Hause gegangen. Den Text mit farbigen Änderungen auszudrucken, kostet beim Copy Shop 200 Euro. Schwarzweiß reicht auch, sage ich, die Änderungen sind ja unterstrichen … zum Trost für die Kälte essen wir nachts den restlichen Zuckerguss auf. Spät Nachts, nachdem ich die Kinder ins Bett geklebt habe, setze ich mich mit dem Papierstapel hin. Tja, die Änderungen sind jetzt leider nicht mehr unterstrichen. Man sieht sie überhaupt nicht mehr. Mit einem Wutschrei werfe ich 400 Seiten Papier in den Kamin.
Am nächsten Tag hat sich das Wetter geändert, es schneit jetzt nicht mehr von links, sondern von rechts. „Kann ich einen Film …?“
„Filme gucken ist unpädagogisch“, sage ich, „wir bemalen jetzt diese pädagogische Holzhasen.“
„Au ja“, sagt Alva, „kann ich die Plastik-Edelsteine mit dem Glitzergold draufkleben?“
Ich nicke resigniert und stelle fest, dass der Computer mein Dokument versehentlich gerade zerstört hat. Es tut ihm aufrichtig leid, und er wird es wiederherstellen … das macht er. Allerdings ist es jetzt schreibgeschützt. Ich kopiere die ganze Sache in ein anderes Dokument – jetzt ist es nicht mehr schreibgeschützt, aber die Änderungen sind wieder weg. Ich schließe alle Dateien, um nachzudenken. Leider verliert der Computer sie dabei. Wo hab ich denn nur …?, murmelt er, kann aber nichts wiederfinden, was ich in den letzten Tagen getan habe.
„Mama!“, ruft Alva empört. „Lintje hat meinen Holzhasen aufgegessen!“
„Mir egal!“, rufe ich verzweifelt. „Ich esse gleich den Computer auf!“
Zum Glück kenne ich ein in Berlin ansässiges Nilpferd, das sich da auskennt. Und in stundenlanger Nachtarbeit, als die Kinder schlafen, findet es per Ferndiagnose eine der Dateien wieder,die zumindest halb bearbeitet war. Carina wird sich wundern, weshalb ich ihr etwas schicke, das Nilpferd-Versuch 3 heißt. Eigentlich hieß das Buch mal „Solange die Nachtigall singt.“
Sollen wir es umbenennen in „Solange das Nilpferd singt?“
Am nächsten Morgen stehe ich um fünf Uhr auf, ehe die Kinder wach werden, und verstecke Ostereier. Drinnen, da draußen jetzt eine geschlossene Schneedecke liegt. Es schneit allerdings nicht mehr. Es hagelt. Lintje findet die meisten Eier, sie kriecht beseelt durchs Wohnzimmer und versteckt die Eier auch gleich wieder, nachdem sie sie angelutscht hat. Am besten sind dazu die Ritzen zwischen den Dielen, wo man die Schokolade garantiert nie wieder herausbekommt.
Zur Entspannung nach all dem Computerärger machen wir den geplanten Osterspaziergang. Wir haben sogar ein Picknick mit, samt pädagogischem Vorlesebuch
„Mir ist kalt!“, ruft Alva. „Kann ich nach Hause und einen Film gucken?“
Nachts setze ich mich wieder an den Computer, denn in zwei Tagen muss ich mit den Änderungen durch sein. Leider schlafen in dieser Nacht die Kinder nicht. Sie scheinen Alpträume von eingeschneiten Ostereiern zuhaben …
Zum Glück hat am Montag unsere Babysitterin wieder Zeit. Ich verfrachte beide Kinder zu ihr – wo sie einen Film gucken. Dann setze ich mich zu Hause alleine an den Computer und drücke auf den Knopf Alle Änderungen akzeptieren. Mir doch egal, was in dem Buch steht.
Der Computer macht ein summendes Geräusch und löscht den gesamten Text. Sehr vernünftige Entscheidung von der Lektorin.