Archiv für Mai, 2012

Blaugummi und Autobahnkühe

Samstag, Mai 19th, 2012

Es ist wieder soweit – wir basteln einen Trailer.
Für diesen brauchen wir eine Autobahn. Besser gesagt: David auf der Autobahn. Denn das Buch dreht sich um die zentrale Frage, weshalb er dort überfahren wird.
Aus irgendeinem Grund hat David etwas dagegen, sich auf den Mittelstreifen zu stellen. Wir werden das also mit dem Computer machen. Ich besorge einen Green Screen (aus Taiwan) – Sie wissen schon, diesen Hintergrund, der verschwindet, wenn man ihn in den Computer steckt. Geliefert wird ein riesiges grünes Stück Stoff samt Aufstellern, Lampen und Schirmen.
„Das können wir doch alles bei dir aufbauen, oder?“, sage ich zu Olaf. Olaf ist mein Kameramanntontechnikerschnittkünstlerphotographprogrammierer (ich kann mir kein ganzes Team leisten, deshalb gibt es für alles Olaf). Da er ja alles macht, besteht Olafs Wohnung aus … allem: Bildschirmen, Kisten, Computern, Kameras, Stativen, Bohrmaschinen, Nägeln und Schrauben. Oder sagen wir – bestand. Jetzt besteht sie aus einem Green Screen. Das Ding ist nämlich aufgebaut so groß wie die Wohnung selbst. Ach, Wohnraum wird überbewertet. Olaf kann sich zum Schlafen ja in den grünen Stoff wickeln. Um den nötigen Film-Abstand zu David einzuhalten, klettert er am andern Ende der Wohnung auf die Deckenlampe …
Dann fahren wir los, um die A 20 aufzunehmen. Olaf hängt sich aus dem Autofenster und filmt, während ich mit 30 auf der Überholspur entlang fahre. Ärgerlich aufblendende Mercedesse überholen uns in großen Kolonnen auf der rechten Seite. Nach einer Weile überholen sie nicht mehr, sondern stauen sich hinter uns: Im Radio wird inzwischen davor gewarnt, dass wir eine fahrende Verkehrskontrolleinheit sind.
Jetzt haben wir eine Autobahn und einen David, und beides zusammen gibt – einen schwebenden David auf der Autobahn. Sieht blöd aus. Mist.
Wir wenden uns lieber anderen Fragen zu: Wann blühen die Kastanien – und woher bekommt man himmelblaues Kaugummi?
Lotta, die im Buch dauernd Kaugummi kaut, soll das auch im Trailer tun. Wir wollten an David vorbei in den Himmel filmen, der dann zerplatzt und nur eine Kaugummiblase von Lotta war.
So weit die Idee.
In den nächsten Tagen fluten mails von Lottas Onkel und Olaf mein Postfach:
Lottas Onkel: Huba Buba in blauen Dosen gefunden, Blaubeere-Veilchen. Bestellbar über amazon in Amerika. Gelieferter Gummi leider nicht blau, sondern weiß mit bunten Punkten.
Olaf: Hellgrünen Gummi nehmen und über das Green Screen Programm in Blau umrechnen? Geschmacksrichtung Apfel-Zitrone-Kiwi kann man gebraucht bei ebay ersteigern.
Lottas Onkel: Habe blaue Lebensmittelfarbe bestellt, Überbleibsel aus Ostzeiten, stärker färbend als zeitgenössische Produkte und in Berlin antiquarisch noch zu kriegen.
Olaf: Blasengröße beachten! Blase muss Gesicht bedecken, Kaugummi mit Farbe noch dehnbar? Im Selbsttest heute herausgefunden, dass roter Kaugummi Sorte Himbeer-Kirsche-Moorrübe (bestellbar über einen Großhändler in der Mongolei) elastischer ist als grüner Apfel-Kiwi-Zitrone, wobei die Blasen bei der Sorten braune Fassbrause (erhältlich in Österreich aus alten Reichsrestbeständen) zu einem rascheren Gesamt-Zerplatzergebnis führen.
Lottas Onkel: Heute drei Kisten Kaugummi geliefert bekommen. Jetzt zwei Kilo Blaubeere-Veilchen umgefärbt; Farbe Pflaume-Schwimmbad. Bis Gummi trocken, übt Lotta mit Himbeer-Kirsche-Moorrübe und Apfel-Zitrone-Kiwi. Bei Mischung von 2:1 führt das zu Durchmessern von bis zu 15,2 cm.
Olaf: Blasengröße muss optimiert werden. Habe einen Herrenföhn mit zwei Stufen eingesetzt, bringe Blasen der Sorte Apfel-Kirsche-Pflaume-Fassbrause auf 21,3 cm, allerdings nur bei Ostwind. Mehr Kaugummis in den Mund stecken?
Lottas Onkel: Haben das probiert. Bei vier gefärbten Kaugummis kann Lotta auch nach dem Aufblasen noch atmen.
Olaf: Ist das technisch gesehen notwendig?
Lottas Onkel: Also bitte …
Olaf: Und wäre es nicht einfacher, das Kind umzufärben und den Gummi so zu lassen, wie er ist, um dann mit dem Green Screen Programm alle Farben zu invertieren?
Lotta: Ich hab geträumt, dass ich in einer Kaugummiblase wegfliege und vom Filmteam gerettet werden muss …
Als ich Olaf das nächste Mal besuche, baut er aus Skateboardrädern und einer Leiter gerade einen Filmwagen, um die Autobahn noch einmal zu filmen. Vielleicht kleben wir diesmal Kaugummi auf die Fahrbahn, um die Mercedesse festzukleben, damit die A 20 eine Weile frei ist …
„Komm lieber mit“, sage ich, „Wir müssen noch einen Kuhstall und eine erwachsene Schauspielerin finden.“
Die Protagonistin im Buch ist anfangs ziemlich unsymphatisch und gestresst. Nun kenne ich zwar eine Menge solcher Frauen – aber ich kann ja schlecht zu einer sagen: Du bist so schön unsymphatisch, willst du nicht bei uns im Trailer mitspielen? Am Ende hat unsere Darstellerin viel zu viele nette Lachfalten, und wir kommen überein, dass sie zwei Nächte vor dem Dreh nicht schlafen darf, damit sie gestresst aussieht.
Drehen müssen Olaf und sie ohne mich, weil die Kastanien, die da auch rein sollen, erst im Mai blühen – und im Mai bin ich auf Lesereise. Wir richten also eine Kastanienblüten-Hotline ein zwischen den Besitzern des Hauses, wo wir drehen, Olaf und der Hauptdarstellerin. Kuhstall finden wir auch keinen, deshalb nehmen wir Schafe – wenn die lange genug nicht schlafen, sehen sie vielleicht aus wie Kühe. Vielleicht ist es ja auch besser, wenn die Kühe, ich meine: die Schafe den Kaugummi kauen und wir die Kastanienblüten mit dem Green Screen an die Bäume produzieren … Aber halt mal, die Kastanienbäume sind doch grün? Sind die im Film dann weg? Ach, sagt Olaf, die färben wir vorher mit Lebensmittelfarbe Pflaume-Schwimmbad um. Und um David herum blasen wir eine Riesenblase, was auch erklärt, dass er aussieht, als würde er schweben …
Mit einem leicht irren Lachen beginne ich, den Green Screen zu zerkauen und Blasen daraus zu machen.
Ob das ein Film wird, der den Buchverkauf steigert?
Ach, ich stelle mich nächstes Frühjahr zu Werbezwecken einfach selbst auf die A 20, mit oder ohne Kühe. Dann hab ich auch kein Problem mehr mit dem Trailer.