Archiv für September, 2012

Solange der Kameramann nicht singt

Mittwoch, September 5th, 2012

Solange der Kameramann nicht singt

Kurztext:
Eine kurze Geschichte über Prodomisation und das Aufhängen von Autoren an Bäumen.

Halleluja – da ist sie, die Nachtigall. Mit den ersten Herbstnebeln und verfrühten Buntblättern wehen die Bücherkartons ins Haus. Und verstopfen den Flur, in dem sich noch immer Kisten mit Material der letzten drei Buchtrailer stapeln. Große Teile unseres Haushaltes verschwinden jedesmal beim Trailerdreh, da ich nie Zeit habe, die Kisten auszuräumen, weil ich längst hüfttief im nächsten Buch stecke. Mein Mann erwägt, die Kisten als architektonisches Element in den Ausbau des Hauses mit einzubeziehen, man bräuchte dann eventuell eine tragende Wand weniger; stattdessen würden komprimierte Zweige, Blätter, Teppiche, Abendkleider, Dosen, Gewehre, Jonglierbälle und Bücher das Dachgeschoss stützen.
(„Wo ist eigentlich die alte Bibel, die ich dir geliehen habe?“
„Äh … die muss in der Paradies-Kiste sein, das ist die mit Also-sprach-Zaratustra, dem Trainingsanzug, dem Seil der Gehenkten und dem kaputten Geschirr.“)
In der Kiste für den Nachtigallentrailer liegen ein weißes Kleid und eine Dose, in der damals, vor … einem Jahr? … die Fliegenpilze waren. Ich traue mich jetzt nicht mehr, die Dose zu öffnen, da der Inhalt sicherlich sprechen und schachspielen kann und sofort anfängt, Regievorschläge für den nächsten Dreh zu machen, sobald ich ihn freilasse. Damals war es ziemlich schwierig, einen Fliegenpilz zu finden. Es war, ehrlich gesagt, unmöglich. Tipp Ex ist eine feine Erfindung.
Jetzt bin ich gerade wieder auf der Suche – für die erste offizielle Nachtigallenveranstaltung in Hamburg braucht sie nämlich auch einen Pilz. Man muss doch was zum Buffet beitragen. Und ich weiß nicht, wie gut Tipp Ex auf anderen Pilzen schmeckt. Obwohl – ist vielleicht auch halluzinogen?
Die Jugend wächst ja in Deutschland sehr behütet auf.
Wenn man bei einer Lesung fragt: Was passiert, wenn man einen Fliegenpilz isst?, kommt auch in der zehnten Klasse Stadt-Gymnasium noch die großäugige Antwort: „Na, dann stirbt man.“ Klar, man stirbt ja auch, wenn man einen Joint raucht.
Zum Glück stirbt man vom Trailergucken nicht, wobei das Trailerdrehen nicht ganz ohne ist.
Der Nachtigallentrailer ist im Gegensatz zu den Lottozahlen im Fernsehen MIT Gewehr, und das war gar nicht so einfach zu besorgen, es darf nämlich nur vom Eigner im eigenen Jagdrevier gehandhabt werden. Schließlich fand sich ein Kollege meines Mannes, der ein Gewehr und ein Revier hatte. Er war etwas erstaunt, dass er dann auch noch seine Hände für den Film hergeben musste und leicht ungehalten darüber, dass beim Dreh er selbst an diesen Händen dranhängen sollte. Wenngleich außerhalb des Bildes.
Gleichzeitig zum Trailerdreh wollte er nämlich eigentlich zwei Hochsitze bauen und andere Pilze suchen, und immer, wenn wir dreh-bereit waren, waren Jäger und Gewehr aus lauter Langeweile im Wald verschwunden. Wer weiß, legten vielleicht auch gerade Spaziergänger um …
Unseren EINEN Pilz haben wir übrigens zweimal falsch zerschnitten, und er ließ sich nur ganz schlecht wieder zusammennähen. Fragen Sie mal im Baumarkt nach Fliegenpilzkleber! Ich habe es versucht. Man glaubt es kaum; es gibt keinen.
Überhaupt lernt man beim Film ständig Neues: Wissen Sie zum Beispiel, was prodromisieren ist? Das ist, wenn man solange am Licht herumdreht, bis es golden wird und aussieht wie in einer Dallmayr-Prodomo-Reklame. Ui, bei euch ist das Licht im Herbst aber schön, sagte ein Freund, der den Trailer gesehen hatte. Da muss ich ja auch mal hin.
Oder wussten Sie, dass es wirklich schwierig ist, sich an einem Baum aufzuhängen, ohne sich das Seil um den Hals zu legen? Ich weiß jetzt, wie es geht, ätsch, aber ich verrate es nicht. Gucken Sie sich doch den Trailer zum Paradiesbuch an, im Frühjahr dann, und raten sie mal! Es war wirklich SEHR unbequem.
Momentan machen wir einen Trailer für ein Kinderbuch, für den wir sieben Motorradfahrer brauchten, die grimmig gucken mussten. Es war wirklich schwierig, genug grimmige Leute zu finden. Egal, welchen Termin wir nahmen, immer konnte irgendeiner nicht, und als am Ende doch die Aufnahme im Kasten war, sagte mein Einmann-Filmteam: Na toll. Jetzt haben wir einen zu viel.
Übrigens wollte ich die Grimmigen dann mit einem Kasten Bier entlohnen, im Buch und im Theaterstück trinken die ja dauernd Bier. „Nein danke“, sagte der erste. „Ich trinke nicht.“
„Nein danke“, sagte der zweite. „Ich trinke nur Früchtetee.“
„Nein danke“, sagte der dritte, „aber etwas Vollmilchschokolade wäre schön …“
Die Nachtigall, ob mit oder ohne Pilz, ist ja inzwischen Schnee von gestern, jetzt sind wir bei „Nashville“. Ich mache nur noch Bücher mit N. Für DEN Trailer müssen wir nach Tübingen fahren und uns auf dem Kopf in einen schwäbischen Küchenschrank stellen, des weiteren sind fünf scharfe Messer vonnöten. Wenn Sie also demnächst in Tübingen weilen sollten und einen Schrank dort öffnen, wundern sie sich nicht, wenn jemand darin steht und sie mit einem Messer bedroht. Das ist nur mein Kameramann, der übt ein bisschen. Leichen brauchen wir auch für den nächsten Trailer. Nehmen Sie es also nicht krumm, wenn er sie ersticht. Es ist für einen guten Zweck.