Der kleine Reiseberater – Wunder der Wüsten

Der kleine Reiseberater – Wunder der Wüsten

Kurztext:
Von kopflosen Schafen, schmelzenden Burgen und motorisierten Kamelen

Bislang hatte ich in diesem Winter das Problem, dass ich den Komposthaufen optisch nicht vom Garten unterscheiden konnte. Aber nun liegt Schnee, wunderbar weißer Schnee! Leider kann man daraus nichts bauen, noch nicht einmal einen Schneeball. Der Schnee hat die gleiche Konsistenz wie unser Keksteig: Er staubt und krümelt und lässt sich zu nichts verarbeiten. Ich erwäge kurz, Uhu in Teig UND Schnee zu gießen, sehe aber (aus Mangel an Uhu) davon ab.
Und während ich die weißen Schneewehen betrachte, denke ich an die orangefarbenen Dünen der Wüste in Marokko.
Dort gab es keine Probleme mit Keksteig, denn es gab keine Kekse. Es gab, ehrlich gesagt, überhaupt nichts zu essen. Das lag daran, dass zu der Zeit, zu der wir in der Wüste waren, das Schafsfest stattfand.
„Frühstück?“, höre ich den Hotelier noch sagen. „Nein, Frühstück gibt es heute nicht. Heute ist doch Schafsfest. Cafés? Nein, Cafés haben heute keine offen. Heute ist doch Schafsfest. Läden? Nein, die Läden sind heute zu. Es ist doch …“
„Ja ja“, knurren wir, „wissen wir schon.“
Der Hotelier hat Mitleid mit uns und serviert uns ein Schafsfest-typisches Frühstück: kalten Haferbrei ohne Zucker und Milch, dafür aber mit sehr viel rotem Öl und etwas (aber nur etwas) Salz. Ungefähr so stelle ich mir Scheibenkleister vor. Daraus hätte man GARANTIERT einen Schneemann bauen können. Mit verklebten Mägen wandern wir durch enge Lehmgassen, in denen malerische bunte Mammis sitzen und in großen Plastikwannen fröhlich Schafsgedärme auswaschen. Durch die Gassen fließt eine fröhliche Mischung aus Spülwasser, Schafskot und frischem Blut, und die Lehmwände sind hübsch mit abgeschlagenen Schafsköpfen dekoriert. Hier und da hängt ein Bein oder ein blutiges Fell über einer Wäscheleine … Hatte ich erwähnt, dass ich Vegetarier bin?
Schließlich umringt uns ein Schwarm kleiner Mädchen mit Glitzerohrringen, hochhackigen Schuhen und hennabemalten Händen und versucht uns weis zu machen, sie wären arm und hungrig. Als das nicht zieht, laden sie uns stattdessen in ihre 25 verschiedene Zuhauses ein – zum Schafessen. Wir lehnen dankend ab.
Das einzige, was man am Tag des Schafsfest noch tun kann, ist, einen Ausflug nach Ben-Hur-Stadt zu machen, denn der Jeepfahrer ist froh, dem familiären Schafsessen zu entrinnen. Also fliegen wir aus. Ben-Hur-Stadt liegt am Rand der Wüste und heißt so, erraten, weil hier Ben Hur gedreht wurde. Und alle andere Filme, die in Wüstenstädten spielen. Als wir ankommen, wird uns gleich verboten, das alte Lehmtor zu knipsen. Nämlich weil: Es ist eine Pappkulisse. Photographieren darf man es erst, wenn der entsprechende Film abgedreht wurde.
Beim Sonnenuntergang versammeln sich alle Einwohner von Ben-Hur-Stadt am höchten Punkt der Stadt, neben einem malerischen … Trafohäuschen. Vielleicht ist es auch eine Garage.
Die Sonne sinkt hinter die Dünen, und wir seufzen.
Zeit, in die richtige Wüste zu fahren!
Das tun wir, am nächsten Tag, und auf dem Weg zeigt uns der Fahrer einen ganzen Strauß von Sehenswürdigkeiten. Zunächst wären da die Kasbas, Festungen aus Lehm, die wir vom Jeep aus photographieren dürfen. Zu Fuß hingehen dürfen wir nicht, zu Fuß gehen gilt in Marokko als äußerst schädlich. Als heilsam gilt dagegen der Besuch im „Tals der Rosen“, das, wenn die Rosen blühen, ein unglaublicher Anblick sein soll … Das Tal der Rosen besteht aus einem Parkplatz, einem Parfumgeschäft, einem betonierten Aussichtshügel und einem Touristencafé. Es GIBT auch Rosen. Auf dem Klo des Cafés.
Dürfen wir jetzt in die Wüste?, fragen wir zaghaft. Da war doch was mit Kamelreiten … Jetzt ist es zu spät, sagt unser Fahrer. Tatsächlich verzieht sich die Sonne mit einem aufreizend genüsslichen Seufzen hinter die Dünen, als wir ankommen, und das Kamelreiten wird auf den nächsten Tag verschoben. Wir schlafen hochherrschaftlich in … einer Kasba! Glücklicher Weise regnet es nicht, denn mein Mann liest im Reiseführer, dass die Lehm-Kasbas bei Regen schmelzen. Wenn man früher einen verfeindeten Wüstenclan belagerte, so der Reiseführer, goss man einfach Wasser um die gegnerische Kasba herum auf den Boden, wartete, bis sie schmolz und sammelte die herausfallenden Feinde ein.
Am nächsten Tag kaufen wir im Dorf zwei Turbane, da wir ja abends heldenhaft Kamel reiten wollen. Wir verwickeln uns eine Weile, bis uns der Verkäufer befreit und uns zeigt, wie man die Dinger richtig wickelt. Er verkauft auch Versteinerungen, vor allem versteinerte Schnecken. Dass die Schnecken auf ihrem Weg durch die Dünen versteinert sind, ist kein Wunder – aber WO wollten sie HIN?
Zum Abschied erzählt uns der Verkäufer, dass auch dieses Dorf eine umfangreiche Filmgeschichte hat: Vor zehn Jahren kaufte eine blonde Frau ebenfalls einen Turban bei ihm. Damit setzte sich in ein Zelt neben der staubigen Straße, ließ sich etwas zu trinken bringen – das war Tee; es gibt in der Wüste nur Tee – und sich dabei filmen, wie sie die Tasse hob und in die Kamera sagte: „Jakobs Kaffee, wunderbar.“
Und, sagt der Turbanhändler, Skier und Snowbards würde er auch verliehen. Oder wollten wir lieber einen Motorschlitten? Der moderne Tourist, so lernen wir, heizt nämlich lieber motorisiert die Dünen hinunter, als auf einem ollen Retro-Kamel hindurchzuschaukeln.

Draußen schneit es noch immer. Ich sortiere Weihnachtsschmuck. Da sind sie ja, die heiligen drei Könige! Ich beseitige das Kamel, koch etwas Haferbrei mit Öl und beginne, einen Motorschlitten daraus zu formen.

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